Erweiterung Denkwerkstätte

2025|Hittisau|Österreich
Bauaufgabe: Bestandserweiterung
Bauherr: Georg Bechter

Bild 2

In Hittisau steht das Firmengebäude von Georg Bechter. Zwischen Wohnhäuser mischen sich Gewerbe, landwirtschaftliche Bauten und Grünflächen. Schon seit Jahrzehnten wird hier nebeneinander gelebt und gewirtschaftet.So auch in der Parzelle Dorf, wo der große Baukörper erst auf den zweiten Blick ins Auge fällt. Noch vor wenigen Jahren standen hier die Kühe im Stall. Heute lässt die diagonal verschalte Holzlattung eine wabenhafte Struktur entstehen, die in ihrer Feinheit eine neue Nutzung im Inneren erahnen lässt. Und noch eines wird beim Näherkommen an der Fassade lesbar: Hier wurde vor kurzem weitergestrickt.


Auszeichnungen:
2025 Vorarlberger Holzbaupreis
2025 Hypo Baukulturpreis

Projekt 2

Erweitern – und dabei ganz in der Nähe bleiben

Vor fünf Jahren hat der Architekt und Lichtdesigner Georg Bechter den ehemaligen Stall seines Vaters zu einem Architekturbüro und einer Leuchtenmanufaktur umgebaut: mit Holz, Stroh, Lehm und Schafwolle. Heute wird der Bestand von einem Erweiterungsbau ergänzt. In Verlängerung der bestehenden Kubatur schreibt der Zubau den Bestand weiter und vervollständigt diesen mit einer Produktionsfläche im Erdgeschoss und einem Ausstellungsraum im Obergeschoss.
Weitergebaut wurde mit Massivholz und Stroh – mit nachwachsenden Rohstoffen aus der Region.

Die Säge, die das Holz aus den umliegenden Wäldern verarbeitet, liegt direkt über der Straße. Der Zimmermann, der das nötige Wissen und Engagement mitbrachte um das gesamte Gebäude ohne Leimholz und ausschließlich in Massivholz zu realisieren, kommt aus dem Nachbardorf. Die Aufbauten sind so entwickelt, dass sie einfach wieder zerlegt und kompostiert werden können. Anstelle von Plattenwerkstoffen kamen sägeraue Massivholzschalungen zum Einsatz, die den Holzrahmenbau nach Innen und Außen abschließen. Dazwischen liegt die Holzkonstruktion, die mit einem lichten Abstand von 50cm auf das Format der Strohballen reagiert, mit denen Außenwände und die oberste Geschossdecke ausgefacht wurden. Eine Dampfbremse aus geöltem Papier, eine sägeraue Verschalung aus Holz und ein fein gearbeiteter Flechtparkett aus Buchenholz – gewachsen nur wenige Kilometer entfernt im eigenen Wald - schließen den Raum nach Innen ab. Außen wurde die Holzfassade des Bestandes weitergeführt. Altes und Neues wurden zu einem zusammengehörigen Ganzen verbunden und dennoch wird über die natürliche Patina des Materials die Geschichte einer Erweiterung noch eine Zeit lang erkennbar bleiben.

Bild 2
Bild 2

12m stützenfrei überspannt mit Massivholz und Beton

Während im Bestand die niedrigen Deckenhöhen des ehemaligen Stalls eine Herausforderung waren und die vorhandene Konstruktion viele Aspekte des Raumes definiert hat, bot die Erweiterung die Chance großzügige Räume zu schaffen, die langfristig in ihrer Nutzung flexibel sind. Möglich wird dies über den Verbund von 20cm Massivholz und 12cm Beton, welcher die Raumtiefe von 12m stützenfrei überspannt und dadurch auf lange Sicht unterschiedliche Bespielungen der Räume ermöglicht.


Vorbereitet für den nächsten Schritt

Um langfristig am Standort wirtschaften zu können, ist der Zubau so konzipiert, dass ein Weiterbauen auch in Zukunft möglich ist. Sowohl in der Gestaltung der Außenräume und der Zufahrt zur Tiefgarage als auch auf konstruktiver Ebene wurde die Realisierbarkeit einer zukünftigen Erweiterung berücksichtigt.Das Auflager einer weiteren Decke ist in der Konstruktion der Außenwand bereits für einen späteren Zubau vorbereitet. Auf diese Art ist das Fundament für eine Weiterentwicklung gelegt, bei der auch in Zukunft achtsam mit Ressourcen und Energie umgegangen werden kann.

Close-Up Fassade
Pläne

Vorhandenes nutzen – Kreislaufwirtschaft in der Architektur

GEORG BECHTER ARCHITEKTUR stellt sich ebenfalls immer wieder die Frage nach einem möglichst sparsamen, effizienten und zielgerichteten Einsatz der Materialien. Die Frage nach der Notwendigkeit formte den Zubau daher gleichermaßen wie die Suche nach Synergien.
So wurde die Fußbodenheizung im Erdgeschoss direkt in der Betonplatte verlegt. Auf einen weiteren Aufbau wurde verzichtet. Auch in der Geschossdecke sind Fußbodenheizung und Unterlagshölzer für den darüberliegenden Holzboden bereits im Aufbeton integriert.


Licht- und Elektrokanäle wurden in die Untersicht der Decke eingefräst, wodurch auch auf eine abgehängte Decke verzichtet werden kann. Eine schlanke, materialeffiziente Deckenkonstruktion und großzügige Räume bei gleichzeitiger langfristiger Flexibilität sind das Ergebnis. Die Fassadenbretter und Pflastersteine, die im Zuge des Anbaus rückgebaut wurden, wurden wiederverwendet. Ebenso der Messestand der Light & Building. Die Massivholztafeln aus Buche – ebenfalls aus eigenem Wald - dienen nun als Regalbretter im neuen Produktionsbereich.
Regionale Wertschöpfung und der Weitblick auf ein nachhaltiges und zukunftsfähiges Wirtschaften prägen die Arbeit von Georg Bechter und können im neuen Schauraum besichtigt werden. Beides wird im Zubau ganz praktisch begreifbar. Und selbst wenn die Zeit das lesbare Weiterstricken an der Fassade irgendwann verwischen wird, so bleibt ein Gesamteindruck davon, dass Bestand die Chance bietet, belebt und weiterentwickelt zu werden.

Projekt 2
Bild 3